«Ich würde mich backstage übergeben»

13. Jan. 2022 17:02, Marlène von Arx, Los Angeles

Kristen Stewart verkörpert Lady Diana im Gefühls-Drama «Spencer» an einem emotionalen Tiefpunkt.
Kristen Stewart verkörpert Lady Diana im Gefühls-Drama «Spencer» an einem emotionalen Tiefpunkt.
KEYSTONE
«Diana hatte nur wenig Kontrolle über ihr Leben und nichts war bedingungslos. Alles war eine Verhandlung», sagt Kristen Stewart über die Princess of Wales. «Sie wurde gleichzeitig geliebt und abgelehnt. Sie konnte ihre Macht nicht definieren, aber sie spürte sie und schlug manchmal damit auch um sich.»
«Diana hatte nur wenig Kontrolle über ihr Leben und nichts war bedingungslos. Alles war eine Verhandlung», sagt Kristen Stewart über die Princess of Wales. «Sie wurde gleichzeitig geliebt und abgelehnt. Sie konnte ihre Macht nicht definieren, aber sie spürte sie und schlug manchmal damit auch um sich.»
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«Sie gab den Leuten einen unerreichbaren Traum», so Kristen Stewart. «Aber selbst bei ihren offiziellsten Auftritten, konnte sie ihre Schuhe wegschleudern und einen aufrichtig authentischen Austausch mit jemandem haben.»
«Sie gab den Leuten einen unerreichbaren Traum», so Kristen Stewart. «Aber selbst bei ihren offiziellsten Auftritten, konnte sie ihre Schuhe wegschleudern und einen aufrichtig authentischen Austausch mit jemandem haben.»
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Den Druck, in der Öffentlichkeit zu stehen, kann Kristen Stewart gut nachvollziehen. «Aber ich darf Fehler machen», unterscheidet sie. «Im Gegensatz zu einem Mitglied der Königsfamilie, das ein Ideal und dadurch eine ganze Nation zusammenhalten muss.»
Den Druck, in der Öffentlichkeit zu stehen, kann Kristen Stewart gut nachvollziehen. «Aber ich darf Fehler machen», unterscheidet sie. «Im Gegensatz zu einem Mitglied der Königsfamilie, das ein Ideal und dadurch eine ganze Nation zusammenhalten muss.»
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Kristen Stewart spielt Prinzessin Diana in «Spencer» verletzlich und trotzig und ist damit erstmals in ihrer Karriere auf Oscar-Kurs. Im Interview erzählt die Schauspielerin, was ihr an der Geschichte besonders naheging.

Weihnachtsfeiertage bei den Royals: Lady Diana fühlt sich psychisch so mies, dass ihr die im Mittelalter geköpfte Königin Anne Boleyn erscheint.

Pablo Lorraíns Film «Spencer» ist keine konventionelle Film-Biographie und Kristen Stewart vielleicht nicht die erste Schauspielerin, die einem als Di-Darstellerin in den Sinn kommen würde.

Aber bei all den Unterschieden – die britische Aristokratin und die kalifornische Post-Punk-Performerin haben auch etwas gemeinsam, das nur wenige Menschen erleben: «Sie war die berühmteste und meistfotografierte Frau der Welt, und ich habe das auch auf hohem Niveau erlebt», erinnert sich Stewart während des Film-Festivals in Venedig an die Zeit, in der sie als «Twilight»-Star nicht nur die Klatschspalten von Teenie-Magazinen füllte.

Sie kennt «das Gefühl, keine Kontrolle zu haben»

«Ich habe zwar dabei nicht eine ganze Gruppe von Leuten, ein ganzes Land und schliesslich eine ganze Welt symbolisch repräsentiert. Aber ich kann das Gefühl nachvollziehen, keine Kontrolle zu haben, wie man wahrgenommen wird.»

Diese Kontrolle haben Normalsterbliche zwar auch nicht. Aber die inzwischen 31-jährige Schauspielerin nagte lange daran, keine Möglichkeit zu haben, einen Eindruck zu korrigieren: «Ich wollte hundertmal am Tag zurückrennen und ein Interview nochmals anfangen, weil ich nicht das Richtige gesagt hatte und einen falschen oder einen schlechten Eindruck hinterliess. »

«Dieser Film macht Dianas Schicksal noch tragischer»
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«Dieser Film macht Dianas Schicksal noch tragischer»

Kristen Stewart zeigt in «Spencer», wie Lady Diana 1991 drei Weihnachts-Tage auf dem Landsitz Sandringham verbrachte. Der Film ist kein Biopic, dafür ist er zu ungenau. Und gibt's für Stewarts royale Rolle den Oscar?

Mit dieser Zeit in ihrem Leben hat Kristen Stewart nun Frieden geschlossen. Sie fühlt sich wohler in ihrer Haut und in ihrer Aufgabe als Entertainerin. Ihr Job sei ja nicht so hochtrabend und sie müsse damit nicht wie ein Royal eine Nation zusammenhalten.

«Sonst würde ich mich wohl backstage übergeben», sagt sie lachend. «Mir macht Kunst Spass, die unmittelbar, zufällig und ehrlich ist. Ich bin sicher, dass ich auf alle Seiten ins Fettnäpfchen trete, aber das macht mir jetzt weniger Angst als früher. Vielleicht ist das auch einfach eine Folge des Älter- und Erwachsenwerdens.»

Vom Punkt des entspannten Akzeptierens war Diana an Weihnachten 1991 weit entfernt. Gemäss Stewart war sie in eine Ecke gedrängt, der animalische Überlebenswille setzte ein.

Was sie schliesslich lernen musste war Eigenverantwortung: «Manchmal hat man das Gefühl, das Leben passiere einem und man könne nichts tun. Dabei kann man die Zügel selber in die Hand nehmen. Wir sind nicht auf einem vorgegebenen Weg», ist sich Stewart gewiss.

«Sie hatte eine durchdringende Energie»

Dass Diana nach wie vor fasziniert, überrascht Kristen Stewart nicht: «Sie hatte eine durchdringende Energie. Man hat das Gefühl, man kennt sie, denn sie war so nahbar. Sie leuchtete für andere und hoffte, dass ein bisschen Licht auf sie zurückspiegeln würde. Das Traurige ist, dass sie den Zugang zu anderen suchte und nicht allein sein wollte, aber trotzdem einsam und isoliert war und sie ihre Geschichte nie selber erzählen konnte.»

Dass sie nun einen Teil der Geschichte von Diana erzählt, findet Stewart zwar «crazy», aber nicht befremdend. Es würde sie auch nicht stören, wenn eines Tages jemand einen Film über sie drehen würde: «Ich glaube nicht, dass ich mir beraubt vorkäme, wenn eines Tages jemand einen Film über mich machen sollte», prognostiziert sie.

«Wir haben mit ‹Spencer› nicht die Absicht zu provozieren. Der Film beinhaltet auch keine neuen Informationen oder behauptet, wir hätten irgendwelche Insider-Kenntnisse. Der Film stellt sich ein Gefühl vor und hat den Ehrgeiz, Brücken zu schlagen, denn Diana wollte Menschen zusammen bringen.»

921 Teilnehmer
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Das ist Stewart and Lorraín offenbar geglückt, denn Kristen Stewart hat für «Spencer» erstmals eine Golden-Globe-Nomination erhalten und wird auch ganz vorne bei den Oscar-Anwärterinnen mitgehandelt.

Das ist Neuland für die Kalifornierin, deren Wandelbarkeit und Treue zum Indie-Film in Europa bereits mit dem César (als erste amerikanische Schauspielerin; für die beste Nebenrolle in Olivier Assayas’ «Clouds of Sils Maria») und dem Golden Eye am Zurich Film Festival ausgezeichnet wurde.

Aber Kristen Stewart ist nicht im Showbusiness, um Preise zu gewinnen, sondern verrückte Ideen in Realität umzusetzen. Als nächstes wird sie in David Cronenbergs Metamorphosen-Thriller «Crimes of the Future» zu sehen sein, und in der geschlechts- und rassenlosen Computer-Love-Story  «Love Me» verliebt sie sich als Satellit in eine Boje.

Ebenfalls auf dem Programm: Ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin mit der Verfilmung von Schriftstellerin Lidia Yuknavitchs Memoiren «The Chronology of Water».