Tierversuche verbieten? Das musst du vor der Abstimmung wissen

9. Jan. 2022 13:49, Gil Bieler

In Schweizer Laboren werden vor allem Mäuse eingesetzt. 
In Schweizer Laboren werden vor allem Mäuse eingesetzt. 
Bild: Keystone/Leandre Duggan

Tierversuche sollen in der Schweiz der Vergangenheit angehören: Das fordert eine Volksinitiative. Was sind die Argumente der Befürworter und Gegner, und welche Folgen hätte ein Ja am 13. Februar? Ein Überblick. 

Die Schweiz erlaubt es Forschenden, Tierversuche durchzuführen – damit können Therapien und Medikamente für Menschen oder Tiere entwickelt werden. Doch solche Versuche will eine Gruppe von Tierschützer*innen rigoros verbieten: Sie haben daher das Volksbegehren mit dem etwas sperrigen Titel «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt» eingereicht. Am 13. Februar kommt das Begehren an die Urne. 

Jedes Gesuch für die Durchführung eines Tierversuchs wird von einer kantonalen Tierversuchskommission geprüft. Eine Bewilligung wird nur dann erteilt, wenn die Ergebnisse nicht auf anderem Weg erzielt werden können. Zudem muss der Nutzen für die Gesellschaft den Versuch an Tieren rechtfertigen. Ausserdem dürfen die Forscherinnen und Forscher nur mit so vielen Tieren arbeiten wie unbedingt nötig, und sie müssen die Belastungen für die Tiere so gering wie möglich halten. 

Die Initiative will zum einen ein Verbot jeglicher Tierversuche in der Verfassung festschreiben. Zum anderen sollen Produkte, die mithilfe von Tierversuchen entwickelt wurden, nicht mehr in die Schweiz importiert werden dürfen.

Das bedeutet: Sagt das Stimmvolk Ja zur Initiative, kämen in der Schweiz keine neuen Medikamente mehr auf den Markt, die mit Tierversuchen entwickelt werden – weder für Menschen noch für Tiere. Darunter fallen gemäss Bundesrat auch Impfstoffe. Bestehende Produkte dürften nur noch importiert werden, wenn für ihre Herstellung keine Tierversuche mehr durchgeführt werden müssen.

Im Gegenzug soll Forschung, die ohne Tierversuche auskommt, mindestens dieselbe staatliche Unterstützung erhalten wie heute diejenige mit Tierversuchen.

Auch sogenannte «Menschenversuche» sollen verboten werden. Welche Bereiche der Forschung damit genau gemeint sind, lässt der Initiativtext aber offen.

Laut Angaben des Bundes wurde die Zahl der für medizinische Versuche eingesetzten Tiere im Verlauf der letzten Jahren gesenkt. Im Jahr 2020 wurden demnach 556'107 Versuchstiere eingesetzt, ein Rückgang um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit 2015 hat der Einsatz von Versuchstieren um rund 18 Prozent abgenommen.

Insgesamt wurden laut Bund 19'712 der eingesetzten Tiere einer schweren Belastung ausgesetzt (Schweregrad 3). Davon waren über 60 Prozent Mäuse. Seit 2012 gab es beim Schweregrad 3 eine Zunahme um 68 Prozent.

Diese Statistik weise aber Lücken auf, wie die «NZZ am Sonntag» recherchiert hat: Hunderttausende Tiere würden jedes Jahr für Versuche gezüchtet, aber nie eingesetzt.

Laut dem Bericht wurden 2020 rund 346'000 Mäuse für Tierversuche eingesetzt. Fast dreimal so viele Tiere wurden aber «in Tierversuchshaltung geboren» oder für Versuche importiert. Was mit diesen Tieren geschehe, gehe aus den Bundesangaben nicht hervor. Eine Sprecherin des zuständigen Bundesamts sagte, sie gehe davon aus, dass «der überwiegende Teil euthanasiert» werde, also eingeschläfert. 

Hinter der Volksinitiative steht ein kleines Komitee von Bürgerinnen und Bürgern aus St. Gallen. Unterstützt werden sie von rund achtzig Organisationen und Unternehmen, darunter auch Vertreter*innen von SP und Grünen sowie einigen Tierschutzgruppen und Tierparteien.

Tierversuche seien unethisch und ineffizient, kritisieren die Initiant*innen. Die Tiere würden Schmerz ausgesetzt und «geopfert», macht das Komitee geltend. Das Mitgefühl bleibe komplett auf der Strecke.

Die Organismen von Tieren würden sich ausserdem zu stark von jenen von Menschen unterscheiden, als dass sich auf diese Weise relevante Erkenntnisse gewinnen liessen. Von 100 Wirkstoffen würden 95 im Menschenversuch versagen, sagen die Initiant*innen – trotz scheinbar erfolgversprechender Ergebnisse im Tierversuch.

Die Initiant*innen zeigen sich überzeugt, dass die Forschung heute viele modernere Methoden als Tierversuche zur Verfügung habe. Es sei unentschuldbar, wenn nicht zustimmungsfähige Tiere für Experimente missbraucht würden. Kein Tier oder Mensch könne verlässliche Vorhersagen für ein anderes Lebewesen liefern.

Komitee kritisiert Tierversuche als unethisch und nutzlos
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Komitee kritisiert Tierversuche als unethisch und nutzlos

Tierversuche seien moralisch nicht zu rechtfertigen – und sie brächten die Forschung nicht voran. Mit diesen Argumenten wirbt das Komitee der Volksinitiative für ein Verbot von Tier- und Menschenversuchen für sein Anliegen.

Der Bundesrat lehnt das Volksbegehren ab, in National- und Ständerat wurde es gar ohne eine einzige Ja-Stimme zur Ablehnung empfohlen. Selbst der Schweizer Tierschutz (STS) spricht sich gegen die Initiative aus.

Die breite Gegnerschaft empfindet das Volksbegehren als zu «extrem». Dieses gefährde nicht nur den Forschungsstandort Schweiz, sondern verhindere auch, dass Menschen und Tiere hierzulande von künftigen medizinischen Fortschritten profitieren könnten.

Die Initiative würde lediglich dazu führen, dass Teile der medizinischen Forschung im Ausland stattfinden würden, warnt der zuständige Bundesrat Alain Berset. Zudem habe die Schweiz schon heute eines der strengsten Tierversuchsgesetze.

Zudem wolle der Bundesrat Tierversuche ohnehin reduzieren, aber mit einem neuen Forschungsprogramm. Anfang Februar 2020 hat die Landesregierung zu diesem Zweck das neue Nationale Forschungsprogramm «Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft» lanciert. 3R steht dabei für Replacement, Reduction und Refinement. Das Programm ist auf fünf Jahre angelegt.

Bundesrat: Tierversuchs-Initiative geht zu weit
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Bundesrat: Tierversuchs-Initiative geht zu weit

Der Bundesrat hat seine Argumente gegen die Volksinitiative zum Verbot von Tier- und Menschenversuchen dargelegt: Die Schweiz würde damit vom medizinischen Fortschritt abgeschnitten, erklärte der zuständige Bundesrat Alain Berset.

Mit Material der Nachrichtenagentur Keystone-SDA angereichert.